Holy Cash Cow

Die Kuh wird in Indien verehrt, und doch exportiert kaum ein Land so viel Rindfleisch und Leder – auch nach Deutschland. Militante Tierschützer haben Schlachtern und Gerbereien vor Ort nun den Kampf angesagt

Erschienen am 23.06.2017 im SZ Magazin (Foto: Robin Hinsch) >> PDF lesen

Die Schmuggler verstecken die Gau Mata in Gemüselastern und Beton transportern, in Minibussen und ausgedienten Krankenwagen, sie pferchen sie sogar in Milchtanks mit eigens eingebauten Türen. Sie schnüren die Gau Mata zusammen und betäuben sie mit Chloroform, sie liegt in ihrem Blut, halb tot, auf dem Weg nach Bangladesch. Oder sie hacken sie gleich in Stücke, um sie auf den Fleischteller in Saudi-Arabien zu bringen – »und bei euch in Europa ins Schuhregal«, sagt Deepak Chouham. »Wir werden diesen Krieg gewinnen. Für unsere Gau Mata.« Die heilige Mutter Kuh. Für alle Kühe. Eine Aprilnacht in Madlauda, einem Örtchen im Bundesstaat Haryana, Nordindien. Die Luft ist von 42 auf 32 Grad abgekühlt, Moskitos summen. Chouham, 31 Jahre alt, Vater dreier Kinder, handelt bei Tag mit Ziegelsteinen und betreibt einen Süßigkeitenstand. Nachts ist er Blockwart der örtlichen Einheit der »Gauraksha Dal Haryana«, wörtlich: des Kuh-Befreiungsteams von Haryana.

Hinter seinem Haus wühlen Makaken im Müll, Hunde heulen durch die Gassen. Chouham packt seine Shotgun zusammen: ein einheimisches Fabrikat der Marke New Light Artworks, Siebzig-Millimeter-Patronen, Reichweite: 300 Meter. Unter einem Banyanbaum schlafen drei Kühe im Stehen. Ein Instinktverhalten, wenn die Tiere sich unsicher fühlen, sagt Chouham. Er zitiert den Gott Krishna, der sich hier in Haryana 200 vor Christus offenbart haben soll. Krishnas Lehren der Bhagavad Gita, Kapitel 10, Vers 28: »Kühe sind die Göttinnen der Götter. Nie darf man sie stören, belästigen oder ihnen ohne Respekt begegnen.« Und: »Das Töten von Kühen ist die abscheulichste aller Sünden der irdischen Existenz.«
Vor der Mittelschule in Madlauda wartet Chouhams bester Freund Rasender, ein Mann mit Armen wie Baumstämme, ehemaliger Profi-Wrestler. Die anderen der Gruppe sitzen schon im gelben Schulbus mit der Nummer 19: ein Supermarktverkäufer, ein Sozialarbeiter, ein Lokalpolitiker, einige Geschäftsleute und drei Zwölftklässler, die froh wirken, nicht bei ihren Familien sein zu müssen. Zwölf Männer in weiß-orangefarbener Uniform, auf Brusthöhe prangt das Logo aus einem Kuhkopf, eingerahmt von Gewehren.
Den jüngsten Erfolg feierte die Bürgerwehr vor zwei Monaten: In Binjhol, einem Nachbardorf, erzählt Chouham, hatte eine Gruppe von bewaffneten Schmugglern 15 Kühe von der Straße entführt. Die Dorfbewohner riefen die Gruppe zu Hilfe. Verfolgungsjagd, Schüsse, einer der Pick-ups der Schmuggler landete im Straßengraben. Ashok, der Supermarktverkäufer, wurde von einer Schrotflinte neben dem linken Auge und in die Wade getroffen. »Zwei von ihnen haben wir getötet«, sagt ein anderer stolz. Die Tierschützer brachten die Kühe in die »Shi Krishna Gaushala«, eine von ihnen gebaute, stacheldrahtbewehrte Schutzunterkunft mit Rund-um-die-Uhr-Betreuung.

Der Tierraub auf offener Straße ist nur die spektakuläre Variante des Problems. Oft ist es einfach so, dass Bauern ihre Kühe an den Schlachter verkaufen, sobald die Milch versiegt. Das tun selbst gläubige Hindus. Für Bullen und Kälber gibt es, seit Traktoren die Arbeit auf dem Feld erledigen, ohnehin keine Verwendung mehr. Was tun mit der größten Rinderherde der Welt? Indien hat rund 110 Millionen Büffel und 190 Millionen Hausrinder, von denen besonders die Kuh als heilig gilt. Wie heilig, darüber streitet ganz Indien. Die Verwirrung beginnt bei den Gesetzen: Die meisten der 29 Bundesstaaten stellen das Töten aller Rinder unter Strafe – der Hausrinder ebenso wie der Büffel. Einige Regionen erlauben das Schlachten von Büffeln, aber nicht von Hausrindern. In fünf muslimisch dominierten Bundesstaaten ist das Schlachten beider Rassen zugelassen.
Paradoxerweise spielt kaum eine indische Branche eine so wichtige Rolle wie das Geschäft mit dem heiligen Rind: Indien ist weltweit die Nummer eins beim Export von Rindfleisch und die Nummer zwei beim Export von Leder. Laut indischen Behörden handelt es sich immer um Büffelfleisch und Büffelleder. Sucht man nach Schlachtzahlen, wird man erst beim US-Landwirtschaftsministerium fündig. Ihm zufolge wurden 2015 in Indien insgesamt 39 Millionen Rinder geschlachtet. Laut der Welternährungsorganisation produzierte Indien im selben Jahr jedoch 49 Millionen Lederhäute. Woher kommen die zusätzlichen zehn Millionen? Mindestens ein Fünftel der indischen Lederexporte stammt aus der Schlachtung heiliger Kühe, schätzt die Tierschutzorganisation PETA. Die indische Organisation People for Animals behauptet, es seien sogar vierzig Prozent. Überall im Land werden Hausrinder heimlich geschlachtet: in illegalen Schlachthäusern und in Hinterhöfen, sogar in Wohnzimmern. Und rund zwei Millionen Hausrinder werden laut PETA jährlich von Schmugglern in Schlachthäuser in Bangladesch gekarrt. Das Fleisch geht in mehr als siebzig Länder, darunter Indonesien, Malaysia, Saudi-Arabien, Ma rokko, Ägypten. Dorthin, wo der Hunger auf günstiges Fleisch steigt, die meisten sich Importe aus Brasilien oder Argentinien aber nicht leisten können.
Das Beiprodukt, die Rinderhaut, landet überwiegend im Westen: als Schuh, Handtasche oder Jacke, als Reitsattel oder Sofabezug. Deutschland ist nach den USA der zweitwichtigste Absatzmarkt dafür. 2016 wurde indisches Leder im Wert von 589 Millionen Euro importiert. Zara, Nike, H&M, Deichmann, Salamander, Hugo Boss, Timberland: Es gibt kaum eine bekannte Marke, die nicht in Indien produzieren lässt.

Auf den internationalen Laufstegen war Leder in den vergangenen Saisons so präsent wie zuletzt in den Achtzigerjahren. Luxushandtaschen sind begehrt wie nie. 2015 wurden in Deutschland 4,2 Milliarden Euro mit Lederwaren umgesetzt, neun Prozent mehr als im Vorjahr. »Der Ledereinzelhandel wächst, wie andere Bereiche der Modebranche es sich wünschen«, sagt Hansjürgen Heinick vom Institut für Handelsforschung in Köln. Wer die Filialen von Fast-Fashion-Ketten betritt, findet Lederculottes, Lederblusen, Lederkleider, Ledershorts. »Die Produktpalette ist vielfältiger geworden, die Nutzungsdauer kürzer«, sagt Heinick. War die teure Lederjacke einmal ein mühsam erspartes Lieblingsstück, das man jahrelang trug, gibt es sie heute auch günstig, in immer mehr Farben und Schnitten. Und immer öfter wird sie nur noch kurz getragen. Ein gutes Geschäft: »Ein Markensneaker aus Stoff kostet vielleicht 100 Dollar. Kommt Leder zum Einsatz, kann man ihn für 200 Dollar verkaufen, obwohl das Material zwei Dollar wert ist«, sagt der frühere Lederhändler Don Ohsman, der den Brancheninformationsdienst Hidenet.com betreibt. In Indien wollen Tierschützer und fundamentalistische Hindus die Schändung der heiligen Cash Cow nicht mehr hinnehmen. Seit die nationalistische Hindu-Partei BJP im Nationalparlament in Neu-Delhi und in vielen Landesteilen die Macht erobert hat, verabschiedet sie ein Verbot nach dem anderen, um Rinder zu schützen. Zudem verdammen Hindu-Gurus alle Fleischesser, und Kuhschützer organisieren sich zu Hunderttausenden in Bürgerwehren. Sie diskutieren auch über die Lehren Krishnas: Sollen nur reinrassige Weibchen gerettet werden? Oder auch Bullen? Sollten sogar Büffel geschützt werden? Die Würde der Tiere steht gegen das Recht auf Arbeit. Es geht um Religion und Profit. Und um einen Kulturkampf: Die meisten Hindus verzichten auf Tierprodukte. In der Schlacht- und Lederindustrie arbeiten aber vor allem Rindfleisch essende Muslime. Deepak Chou ham ist überzeugt: »99,5 Prozent der Schmuggler beten zu Allah.«

In Madlauda ist es jetzt kurz vor 23 Uhr. Der Schulbus düst über die Landstraße, vorbei an brennenden Stoppelfeldern und meterhohen Türmen aus Kuhdung, die aussehen wie braune Pagoden. Am Eingang zum nächsten Dorf steht ein unbeleuchteter Checkpoint der Polizei. Ein guter Kontrollposten für heute Nacht, findet Deepak Chouham. Die »Most Wanted«-Tafel vor dem Wachhaus ist leer, drinnen dösen drei Beamte unter dem rostigen Ventilator. Sie lassen die Kuhschützer gewähren. Chouham teilt seine Leute in Gruppen auf: Die einen bekommen die Aufgabe, verdächtige Lastwagen anzuhalten. Die anderen warten hundert Meter weiter mit einem länglichen Eisenmonstrum, bestückt mit spitzen Stacheln – einer Art Bärenfalle für Autos.

Man erkenne die Lastwagen der Schmuggler am Reifendruck, sagt Chouham: Ein Dutzend Rinder wiegt mehr als jeder Gemüsetransport. An unkenntlich gemachten Nummernschildern. Am hohlen Geräusch, wenn man gegen den Transporter hämmert (anders als bei eng gestapelten Warenkisten). Er könne die Gau Mata riechen, sagt Chouham. Ihren Angstschweiß. Ihren Dung. Ihren Urin, auch wenn die Schmuggler die Böden nun mit Sand ausstreuen. Hier im Hindu-dominierten Bundesstaat Haryana, Vegetarieranteil 69 Prozent, sind die Menschen besonders gläubig: Auf Hochzeiten geht der erste Bissen an die Hauskuh, das Fernsehen überträgt Schönheitswettbewerbe für Kühe, religiöse Führer predigen die Heilkraft von Kuhurin: Ein Schluck am Morgen beuge Krebs und Diabetes vor.
Wie die meisten Familien im ländlichen Haryana hält Chouham Kühe: Gori, die weiße, und Kalee, die schwarze. Normalerweise lassen Inder ihre Tiere frei durch die Straßen ziehen, morgens suchen sie von allein ihre Besitzer auf, um gefüttert und gemolken zu werden. Wegen der Schmuggler sperrt Chouham seine Kühe nun in einen Stall mit Ziegelmauern und Eisentor. Im Sommer will er eine Klimaanlage installieren. Seine Frau wäscht die Tiere zweimal am Tag. Morgens knetet sie den Dung mit bloßen Händen wie eine Kostbarkeit zu kleinen Fladen, mit denen sie den Herd beheizt. Chouhams Vater schläft nachts im Stall auf einer Pritsche und hält Wache.
Wohin bringen die Schmuggler die Tiere?
»Nach Uttar Pradesh, dort zahlen Schlachthäuser 150 000 Rupien für eine Kuh.« Uttar Pradesh ist der Bundesstaat südöstlich von Haryana, dazwischen liegt Delhi. 150 000 Rupien sind etwas mehr als 2000 Euro. »Oder eben nach Bangladesch.«

Was macht die Polizei?
»Die nehmen für jeden Transport, den sie durchwinken, 2000 Rupien« Dreißig Euro, gut ein Zehntel eines Monatsgehalts. Die Jobs an den Checkpoints seien begehrt, sagt Chouham. Viele Polizisten zahlten gutes Geld, um sich dahin versetzen zu lassen. Ein bunter Lkw mit ortsfremdem Kennzeichen rollt an.
»Was transportierst du?« »Parfüm.« Reifencheck. Geruchstest. Weiterfahren, sagt Chouham.
Dann, da! Ein Pick-up mit abgedeckter Ladefläche, der ohne zu bremsen durch den Checkpoint brettert. Chouham springt in den Schulbus und ruft Gruppe zwei an, Sekunden später hat sie das Fahrzeug gestoppt. Unter der Plastikplane lugen Büffelaugen hervor. Um die zehn Tiere müssen es sein.
Der Fahrer ist kooperativ und kramt sofort einen Kaufvertrag hervor. Er habe die Büffel für eine Milchfarm erstanden.
»Name, Adresse, Telefonnummer?« Ein Handy filmt alles mit. Der Vertrag scheint in Ordnung zu sein.
»Es waren sowieso nur Büffel«, sagt Chouham, als der Laster weg ist. Für seine Gruppe habe die Kuh Priorität.
Wer Rinder schlachtet oder schmuggelt, muss in Haryana neuerdings mit bis zu zehn Jahren Haft rechnen. Im Bundesstaat Gujarat verhängen Richter lebenslänglich. Das reiche nicht, findet Chouham. »Jeder, der sich an der Gau Mata versündigt, sollte gehängt werden.« Wem soll man in diesem Kampf schon Sympathien schenken: extremen Tierschützern oder diskriminierten Tierschändern?

Die Nachrichtenlage der vergangenen Monate: In Jharkhand hängt ein Lynchmob zwei Muslime, weil sie angeblich Kühe geschmuggelt haben. Später stellt sich heraus, dass die Männer Hirten waren.
Ein Bauer in Rajasthan wird auf der Autobahn mit Steinen zu Tode geprügelt, weil er eine Milchkuh auf dem Markt gekauft hat.
In Una werden vier Männer ausgezogen, an einen SUV gekettet und mitgeschleift, weil sie eine tote Kuh gehäutet haben.
In Bihar schlagen Aktivisten einen Autofahrer auf dem linken Auge blind, weil er eine Kuh angehupt hat.
Human Rights Watch kritisiert die indische Regierung für ihr Schweigen zu den Gewalttaten.
In Jaipur muss ein Hotel schließen, nachdem sich auf WhatsApp das Gerücht verbreitete, das Hotel serviere Rindfleisch.
Der Bollywood-Star Kajol löst einen Shitstorm aus, weil sie auf Instagram ein Rindfleischgericht postet. Später entschuldigt sie sich und beteuert, es habe Büffel auf ihrem Teller gelegen.

Wenn eine Kuh die Schlachthalle erreicht, hat sie Hunderte Kilometer hinter sich. Die Rinder werden nicht betäubt, obwohl es Vorschrift ist. So beschreibt Gauri Maulekhi, was sie oft in Indien gesehen hat. Weiter sagt sie: Es gibt keinen letzten Check auf Krankheiten, mit einer Unterschrift gibt der Veterinär Hunderte Tiere dem Tod frei.

Geladene Stromkabel hängen von der Decke, mit denen nach den Rindern geworfen wird. Gleichzeitig spritzt eine Anlage die Tiere mit Wasser ab. 380 Volt durchschießen ihre Körper. Die Kuh fällt und ist wehrlos, aber bei vollem Bewusstsein. Nun schneidet der Metzger ihre Kehle durch. An den Hinterbeinen wird sie auf ein Fließband gehievt. Langsam blutet sie aus. 400 Kilo hängen kopfüber an einem Seil. Das Gewicht zerreißt die Knochen. Das Fließband setzt sich in Bewegung. Als Erstes hackt jemand den Schwanz ab. Dann trennen Arbeiter Zentimeter für Zentimeter die Kuhhaut ab. Die Hinterbeine zucken noch. »Nirgendwo werden Kühe schlechter behandelt als in Indien«, sagt Maulekhi. Neulich habe sie ein illegales Schlachthaus in Delhi inspiziert. 300 Metzger, Messer in den Händen, hätten knöcheltief im Blut gestanden, sie mittendrin. »Als sie merkten, dass ich zum Problem wurde, schaltete der Geschäftsführer den Hauptschalter aus. Es wurde pechschwarz. Ich stand da, mit Todesangst.« Geraten sie unter Druck, würden Schlachthausbetreiber es mit Drohungen oder Bestechung versuchen. Bislang seien sie damit durchgekommen, weil Indien mindestens so korrupt sei wie die Kuh heilig, sagt Maulekhi. Aber jetzt sei der Spaß vorbei.

Gauri Maulekhis Augen funkeln vor Energie, ihre Stimme ist tief, ihr Lachen knatternd. Im eleganten Sari sitzt die Vierzigjährige in ihrem Büro im Regierungsviertel von Delhi. Maulekhi ist eine der prominentesten Tierschützerinnen Indiens: Als führende Stimme der NGO People for Animals prangert sie seit Jahrzehnten die Zustände in der Viehhaltung an. Als Beraterin von Maneka Gandhi hat Maulekhi nun auch politische Macht. Gandhi entstammt einer der einflussreichsten Politikerdynastien Indiens (nicht mit Mahatma verwandt) und sitzt seit 2014 als Familienministerin im Kabinett der Hindu-Nationalisten unter dem Premierminister Narendra Modi. Zudem ist sie die Chefin von People for Animals.
»Maneka hat mich mit 19 zum Vegetarismus bekehrt«, sagt Maulekhi. »Anfangs habe ich mich um Straßenkinder gekümmert. Ich gab ihnen Kleidung und Essen, bis ich merkte, dass sie die Sachen vertickten, um Drogen zu kaufen. Seither helfe ich lieber Tieren.« Es klingeln abwechselnd Maulekhis Festnetztelefon und ihr Handy: Ein verletzter Hund liegt im Norden der Stadt auf der Straße und braucht Hilfe. Ein Gericht fragt einen Bericht über misshandelte Pferde an. »Yes, Ma’am?« Die Ministerin ist am Apparat. Wie es um das neue Gesetz für das Verkaufsverbot von Rindern auf Viehmärkten stehe? Noch ein Gesetz, das viele Diskussionen verursachen wird. Auch Gandhis NGO ist umstritten. Ende April verprügelten People-for-Animals-Mitglieder in Delhi drei Muslime, die Büffel transportierten. Im Internet fragen nun viele: Zählen Muslime weniger als Tiere? »Gewalt und Selbstjustiz lehnen wir ab«, sagt Maulekhi. Dann redet sie sich in Fahrt. Kramt Aktenordner hervor, zitiert Studien. »Kennen Sie die Powerpoint-Präsentation über den Zusammenhang von Kuhschmuggel und Terrorfinanzierung?« Über den Weg der heiligen Kuh ins deutsche Schuhgeschäft sagt sie: »Neulich war ich in einem Kühllager in der Stadt Ghazipur. Nahezu sämtliches Fleisch, das als Büffel deklariert war, stammte von Kühen, ergab die Laboruntersuchung.« So laufe es meistens: Neues Etikett, und ab durch den Zoll. »Schauen Sie sich in Uttar Pradesh um. Aber passen Sie auf, dort geht es zu wie in Kleinpakistan.«

Uttar Pradesh ist der bevölkerungsreichste indische Bundesstaat. Kanpur, das »Manchester von Indien«, so nannten die Briten die Stadt, liegt wie ein länglicher Fleck am Oberlauf des Ganges. 400 Millionen Liter Abwasser mit Schwerstchemikalien kippen die Gerbereien täglich ungefiltert in den heiligen Fluss, dessen Gestank einem am Ufer sofort entgegenweht. Dennoch kann sich kaum jemand hier eine Zukunft ohne Leder vorstellen: Hunderttausende leben in Kanpur von der Weiterverarbeitung der Rohhäute, nicht nur Muslime, sondern auch Hindus aus den unteren Kasten sowie Dalits, die sogenannten Unberührbaren. Auf dem Weg ins Industrieviertel Jajmau balancieren ausgemergelte Männer Felle auf ihren Köpfen, von denen noch der Saft trieft, Pferdewagen und Tuk-Tuk-Kuriere schieben bergeweise Chemiefässer durch die Gassen. In den Hinterhöfen, wo die Häute mit Salz konserviert werden, stinkt es nach Ammoniak und Verwesung. Die Trommeln in den 400 Gerbereien rotieren rund um die Uhr. Sechs bis zehn Wochen dauert es vom Moment der Bestellung, bis die Ware Europa erreicht. Die Auftragsbücher sind voll, die BASF-Niederlassung erfreut sich guter Geschäfte.

Die Deutschen seien seine liebsten Geschäftspartner, ruft Ashraf Rizwan zur Begrüßung aus: die besten Chemikalien! Die besten Maschinen! Die beste Ausbildung! Zwei seiner Brüder schwärmen von ihrer Zeit an der Gerberschule Reutlingen. Rizwan, 51, lachsfarbenes Hemd, Goldrandbrille, ist ein jovialer Typ mit ansteckendem Lachen. Auch alle seine sieben Brüder arbeiten im Unternehmen des Vaters: Homera Tanning Industries, 450 Mitarbeiter, mehrere Millionen Dollar Jahresgewinn – eine der größten Firmen Kanpurs. 2000 Häute gerben Rizwans Arbeiter am Tag: beigefarbenes »Antique Finish« für Sofa bezüge, grüne Krokoprägung für Handtaschen, fuchsiafarbenes Nappa für Frauensandalen. Einen Großteil des Leders nähen Angestellte auf dem Firmengelände gleich zu fertigen Schuhen.

Ashraf Rizwan regelt die Finanzen und den Vertrieb. Im Februar war er auf der Mailänder Ledermesse Lineapelle, im März auf der APLF in Hongkong. Er reist um die Welt und verkauft das Leder der indischen Kuh, doch dem Thema weicht er aus: Sein Leder stamme in erster Linie von Büffeln. Dann: »Etwas Kuh ist auch dabei.« Aber: »Ich habe Geschäftspartner, Hindus, die mit mir Steak essen. Kuh, Büffel, Ziege, Hühnchen, Fleisch ist Fleisch. Was ist der Unterschied?« Isst er denn Schwein? »Ich bitte Sie. Hinduismus ist eine Mythologie. Der Islam ist eine Religion. Das ist etwas anderes.«
Rizwan streicht über schwarzes Kuhleder für Männerschuhe. Nicht so makellos wie bayerisches Leder, klar: Deutsche Premiumrinder würden ihr Leben lang auf Wiesen grasen, während sich die indische Straßenkuh von Müll ernähre und Moskitonarben sammle, erklärt Rizwan. »Dafür kosten unsere Häute weniger als die Hälfte.«

Die vergangenen zwölf Jahre seien fabelhaft gewesen: Ein Drittel der indischen Lederexporte stammt aus Kanpur, zuletzt exportierten die Gerbereien der Region jährlich Waren im Wert von zwei Milliarden Dollar. Rizwans einzige Sorge waren bislang die Brasilianer, die ihre Preise dank des schwachen Reals immer weiter drückten.
Doch nun patrouillieren auch in Uttar Pradesh militante Kuhschützer, und die Hindu-Partei geht mit neuen Erlassen gegen Schlachthäuser vor. Im Zentrum von Kanpur steht eine kürzlich ge­ schlossene Großhalle, die laut Behörden ein illegaler Schlachtbetrieb war. 5000 Familien leben nebenan in mit Holzscheiten und Plastiktüten abgedeckten Steinbaracken, ohne Kanalisation. Früher hätten sie Arbeit gehabt, sagen sie, jetzt hätten sie nicht mal mehr das.

Alavi Faizan, ein Sprecher der Allana Group, des größten Fleischexporteurs von Indien, bekommt nun besorgte Anrufe aus Riad und Marrakesch. »Meine Kunden fragen, ob wir noch rechtzeitig liefern können. Und sie lachen über uns. Unser Land ist nicht in der Lage, 1,3 Milliarden Inder mit sauberem Trinkwasser zu versorgen. Da sollen Kühe oberste Priorität haben?«
Im Slum neben den Gerbereien im Industrieviertel Jajmau überlegt Mohammed Hyderad, wie es weitergehen soll. Hyderad ist 24, er wäscht Häute, seit er 14 ist. Wie fast alle in Kanpur ohne Handschuhe, Mundschutz und Krankenversicherung. Er hat Allergien und Pusteln, sein Hals juckt. Dennoch wünscht er sich sehnlichst, in die Fabrik zurückzukehren. »Es gibt keine anderen Jobs.« Allein in Uttar Pradesh sind zehn Millionen Menschen zwischen 15 und 35 arbeitslos. Trotzdem sagt die Aktivistin Gauri Maulekhi: »Die Lederindustrie zerstört unsere Flüsse. Unsere Böden. Die Ozonschicht. Leder ist ein Produkt der Qual. Boykottiert indisches Leder!«

Es ist das Problem der globalisierten Massenproduktion: Damit Waren günstiger werden, müssen Arbeiter und Umwelt leiden. Kauft man sie nicht mehr, ist der Umwelt geholfen, den Arbeitern aber in der Regel nicht. Der Soziologe Awadhendra Sharan erforscht die ökologischen und sozialen Folgen der indischen Lederproduktion. Er bezweifelt, dass es beim gegenwärtigen Konflikt um das Wohl der Kuh geht. Sharan, selbst Hindu, spricht von einer »ethnisch motivierten Anti-Muslim-Kampagne«. Statt die drängenden Probleme anzugehen, die Arbeitsbedingungen und die Umweltverschmutzung, werde die jetzige Kuhschutzoffensive vor allem den Markt neu sortieren. Zuerst würden die kleinen Gerbereien verschwinden, sagt Sharan voraus. »Die Bosse der großen Gerbereien sind mächtig und gut vernetzt. Ihre Firmen werden überleben.«

Der Lederhändler Ashraf Rizwan wirkt entspannt. Er bekomme gute Konditionen bei den wenigen legalen Schlachthäusern, die weiter arbeiteten wie bisher. »Und ich telefoniere täglich mit den Behörden. Ich kenne sie, sie kennen mich. Wir reden nicht über Religion. Sondern darüber, wie man den Export ankurbelt.« Etwa bei Autositzen. Neuerdings verhandle er mit Zulieferern deutscher Automarken. »Früher kamen nur europäische Häute in Frage, Preise spielten keine Rolle.« Inzwischen, da auch Toyota und Ford ihre Sitze mit Leder verkleiden, achteten selbst die Deutschen auf jeden Cent. Rizwan deutet durch das Fenster auf seinen silbernen Audi A4 in der Einfahrt. »In vier Jahren werden die Sitze aus meinem Leder sein.« Gleich habe er einen Termin bei der Regierung. Es gehe um einen geplanten Industriepark für 215 neue Gerbereien. »Alle Genehmigungen sind erteilt, das Grundstück ist gekauft«, sagt Rizwan. Noch 2017 werde der Bau beginnen. Den Namen für den Park gebe es schon: MEGA LEATHER.

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