„Ich fühle mich manchmal besiegt“

Was ist aus dem multikulturellen Traumort geworden, den Zadie Smith so meisterhaft in ihren Büchern beschrieb? Ein Gesprüch über das Leben in Zeiten des Nationa­lismus – und über den Preis, den soziale Aufsteiger wie sie zahlen müssen

Erschienen am 13.10.2017 im SZ Magazin (Foto: Jackie Nickerson) >> PDF lesen

Die meisten Ihrer Romane spielen in Kilburn, dem multikulturellen Arbeiterviertel im Nordwesten Londons, wo Sie aufgewachsen sind. Metaphorisch haben Sie diesen Ort einmal als Dream City beschrieben: »Ein vielstimmiger Ort, wo die einheitliche Identität Illusion ist, wo jeder eine komplizierte Herkunft und eine verworrene Lebensgeschichte vorweist.« Wie sieht es in diesen Tagen in Dream City aus?

Ich weiß es nicht. Ich habe mir diesen Ort unmittelbar nach Barack Obamas Wahlsieg 2008 ausgemalt. Barack schien mir da wie eine selbst erschaffene Figur aus einer imaginären Welt. Er repräsentiert das, was ich eine unmögliche Identität nenne: In seiner Herkunft vereinen sich unvereinbare Pole wie Kenia, Hawaii und Kansas. In seiner Biografie wurde Unmögliches möglich. Bei mir ist es ähnlich. Es ist offensichtlich, dass wir in einer komplett anderen Zeit leben. Ich fühle mich sehr anders als in dem Moment, als ich Dream City beschrieb.

Wie fühlen Sie sich?

Deprimiert, wie alle.

Sie haben selbst eine in Ihren Worten verworrene Herkunft: Ihr Vater war Engländer und weiß, Ihre Mutter ist Jamaikanerin und schwarz. Ist Dream City die ideelle Heimat für Menschen, die überall und nirgendwo zu Hause sind?

Ich habe die vermutlich extreme Sicht, dass von Natur aus niemand in der Welt irgendwo zu Hause ist. Ich denke, Heimat ist etwas, auf das man hinarbeiten kann und wofür man Wurzeln schlagen muss. Ich sehe Heimat nicht als gegeben. Es erfordert Anstrengung und Arbeit, sich zu Hause zu fühlen.

Wo sind Sie am ehesten zu Hause?

Intellektuell bin ich inzwischen in New York zu Hause. Ich lebe in der Nachbarschaft von Kollegen wie Leanne Shapton und Daniel Kehlmann, in derselben Stadt wie Teju Cole und Hilton Als. New York bedeutet für mich Gespräche mit brillanten, faszinierenden Menschen, die Zirkulation von Ideen. Gleichzeitig ist das Leben hier für mich praktisch: Ich wohne mit meiner Familie in einem Hochhaus auf dem Campus der New York University, wo ich Literatur unterrichte. Obwohl nur gut situierte Akademiker hier leben, erinnert es mich an das Arbeiterhochhaus in

London, in dem ich aufgewachsen bin. Ich kann bei den Nachbarn klopfen und sagen: »Hey, ich muss mal kurz einkaufen gehen, könnt ihr die Kinder nehmen?« In London, wo die Mittelklasse fast ausschließlich frei stehende Häuser bewohnt, wäre das undenkbar.

Sie pendeln nach wie vor regelmäßig nach London, wo Sie in der Straße Ihrer Kindheit ein Haus gekauft haben. Ist es seltsam, zwischen den zwei wichtigsten globalen Städten hin und her zu reisen, den kosmopolitischen Zentren ausgerechnet jener zwei westlichen Länder, die gerade die Globalisierung zurückdrehen wollen?

Natürlich war es verrückt, im vergangenen Jahr zwischen Trump und Brexit hin und

her zu pendeln. Aber ich lebe ein Leben wie viele Menschen: Ich denke nicht permanent über Politik nach. Ich denke daran, wann ich meine Familie sehe. Wann ich meine Kinder abholen muss. Was ich abends zu essen koche.

Wie geht es Ihren Freunden, anderen Schriftstellern und Künstlern?

Die meisten Künstler interessieren sich vor allem für Kunst. Manche Schriftstellerkollegen stecken gerade mitten in Romanen, ich bin sehr gespannt, welchen Effekt Trump auf ihre Bücher haben wird. Andere organisieren Widerstand. Für Autoren wie Ta-Nehisi Coates ist Trump eine unglaubliche Energiequelle. Ta-Nehisi blüht geradezu auf.

Über Obamas Wahlsieg schrieben Sie später, Sie hätten ihn in einer Reggae-Bar in Harlem gefeiert. Wo haben Sie den 8. November 2016 verbracht, den Tag von Donald Trumps Sieg?

Zufälligerweise im Flugzeug auf dem Weg nach Berlin. Ich sollte hier einen Literaturpreis bekommen und habe den ganzen Flug über an meiner Dankesrede geschrieben. Ich war beschäftigt, das hat geholfen.

Sehen Sie es in diesen Zeiten als Pflicht, Ihre Stimme als schwarze Schriftstellerin zu erheben?

Ta-Nehisi würde sagen, ja. Ein anderer Freund, Hilton Als, würde es anders sehen. Er ist Autor beim New Yorker. Es gab immer die Diskussion unter schwarzen Intellektuellen zwischen Verpflichtung qua Hautfarbe und individueller Zurückhaltung.

Wie ist es bei Ihnen?

Ich weiß nicht. Ich bin niedergeschlagen, fühle mich manchmal besiegt. Es ist hart, unter dieser Regierung zu leben. Weil sie einfach so dumm ist. Ich konzentriere mich darauf, meine Arbeit zu erledigen.

Welche Macht hat das geschriebene Wort in diesen Tagen?

Alles passiert über Sprache. Die weißen Nationalisten führen Krieg in ihrer Sprache, und wir müssen uns gegen sie in unserer Sprache wehren. Alle Mann an Bord, jeder ist gefordert. Wir Autoren nehmen keine Sonderstellung ein.

Wenn jede Seite in ihrer eigenen Sprache spricht – wie soll es wieder zur Verständigung kommen?

Ich habe keine Ahnung. Ich kann das nicht beantworten. Ich bin niemand für die großen Reden. Ich brauche lange, bis ich einen Gedanken fasse. Ich höre mir an, was die anderen sagen. Und irgendwann schreibe ich etwas auf. Aber es dauert lange.

Sie haben mal gesagt, die meisten Schriftsteller seien politisch dumme Menschen. Was meinen Sie damit?

Du verbringst Jahre damit, einen Roman zu schreiben. Beschäftigst dich in Isolation mit etwas, was nicht real ist. Du brauchst nicht mal viel Wissen dazu.

Gerade in politischen Zeiten suchen viele Menschen Antworten in der Literatur.

Ich weiß, aber sie liegen falsch damit. Jeder muss seinen eigenen Geist und seine

Intelligenz einsetzen. Es wird kein einsames Schriftstellergenie geben, das alle anderen rettet.

Sie klingen irgendwie überfordert. Verwirrt Sie unsere Zeit?

Sind nicht alle verwirrt? Ich verstehe nicht, warum jemand wie ich exklusive Einsichten in das Chaos unserer Welt haben soll. Ich bin nicht Ta-Nehisi Coates, ich bin keine öffentliche Intellektuelle. Ich bin nur eine Romanautorin. Ich weiß nicht, was zu tun ist. Ich komme gerade aus meinem Hotelzimmer, und in Las Vegas wurden mehr als fünfzig Menschen erschossen. Es sind schlechte Zeiten. Wirklich hart.

Was heitert Sie auf?

Meine Künstlergemeinde. Es macht mich glücklich, einen Freund in seinem Studio zu besuchen und zu schauen, an welchen Bildern er gerade arbeitet. Ein Gedicht geschickt zu bekommen, ein Essay. Wenn du Kultur verteidigen willst, musst du Kultur erschaffen. Es gibt noch Licht im Dunkeln. Neulich sah ich einen jungen Typen vor dem Kunstmuseum in Boston, der mit einem Plakat gegen Renoir protestierte: Was für ein schrecklicher Maler Renoir gewesen sei! Es war ein Witz, der mich daran erinnerte, dass Trump nicht die einzige Show ist, die noch läuft. Ich musste laut lachen.

Neben Hautfarbe sind Klassenunterschiede ein wiederkehrendes Thema in Ihren Geschichten. Sie stellen die Frage, ob es möglich ist, seiner sozialen Herkunft zu entfliehen, und wenn ja, zu welchem Preis. Sie selbst stammen aus einem Arbeiterhaushalt und sind heute eine wohlhabende, international bekannte Autorin. Welchen Preis haben Sie für Ihren Aufstieg gezahlt?

In Mittelschichtfamilien gibt es eine Kontinuität zwischen den Generationen. Das muss schön sein, stelle ich mir vor. Wenn du dagegen aufsteigst, verläuft ein Bruch durch die Familie. Für die Aufsteiger fühlt es sich so an, als mutiere etwas in ihnen, was sie von der Familie trennt. Aber gut, welchen Preis auch immer ich gezahlt habe: So schlimm war es nicht.

Ihre beiden Kinder wachsen in New York in sehr privilegierten Verhältnissen auf. Als Sie vor einiger Zeit für ein Jahr zurück nach London zogen, haben Sie Ihre Tochter Kit in einer staatlichen Grundschule in Willesden ange­

meldet, die von den Behörden die schlechteste Bewertung bekommen hatte. Wie erging es ihr dort?

Ich wusste, dass die Schule besser war als ihr Ruf, weil mein Bruder dort jahrelang Nachhilfe für Migrantenkinder gegeben hatte. Ich wusste, wie gut sie Schüler mit unterschiedlicher Herkunft integrierte. Aber diesmal stand ich auf der anderen Seite des sozialen Zauns. Meine Tochter freundete sich auf dem Spielplatz mit einem Jungen an. Es stellte sich heraus, dass er mit seiner Mutter in demselben Sozialbauhochhaus lebte, in dem ich aufgewachsen bin. Eine Verabredung zum Spielen wäre der natürliche nächste Schritt gewesen. Ich ging aber nie auf die Mutter zu, weil ich ihre Angst und Abneigung spürte – nicht, weil ich schwarz war, sondern weil ich der Mittelschicht angehörte. Sie wohnte gegenüber und sah jeden Tag, wie ich die glänzende schwarze Tür zu unserem Einfamilienhaus öffnete. So wie ich jeden Tag beobachtete, wie sie im Eingang des Hochhauses verschwand.

Haben Sie von Ihrem jetzigen Leben geträumt, als Sie ein Kind waren und noch in dem Sozialbau lebten?

Als Kind dachte ich, dass wir ein sehr komfortables Leben führten. Ich dachte nie daran, dass ich unser Viertel verlassen würde. London schon gar nicht. Ich hatte keinerlei Interesse an Reisen oder Abenteuer. Ich wollte Bücher schreiben, das war alles. Ich dachte, vielleicht würde ich Lehrerin werden.

Wie lange staunten Sie später über Ihren eigenen Erfolg?

Man wächst damit, das ist wie mit dem Frosch, der im kochenden Wasser sitzt. Das Leben passiert dir graduell.

Aber mit Ihrem Debüt Zähne zeigen wurden Sie im Alter von 24 Jahren über Nacht zum Star.

Ich erwartete nichts davon und habe den Ruhm überlebt, indem ich mich auf meine Arbeit konzentriert habe. In vielen Dingen hat sich mein Leben bis heute nicht verändert. Ich gehe in die Bibliothek, schreibe, gehe nach Hause. Ich habe kaum anders gearbeitet, als ich 17 war. Mit dem einzigen Unterschied, dass ich inzwischen zwei Kinder habe.

Wie verändern die Kinder Ihren Alltag?

Ich habe früher erst zwischen 14 und 16 Uhr angefangen, weil ich bis mittags schlief. Inzwischen stehe ich jeden Tag um 6.30 Uhr auf. Um neun habe ich zwei Lunchpakete gepackt, zwei Kinder angezogen und zu zwei Schulen gefahren, Sport gemacht. Früher habe ich während des Schreibens geraucht, bin spazieren gegangen, all das fällt weg, weil ich heute auf meine vier Stunden kommen muss. Ich habe keine Zeit mehr für existenzielle Schreibkrisen. Ich kann überall schreiben. Ich stecke meine Kopfhörer ein, mache das Internet aus und fange einfach an. Die Antwort, warum ich mit Kindern schreiben kann, ist Nick, mein Mann. Und die Antwort, warum er mit Kindern schreiben kann, bin ich.

Wie organisieren Sie gemeinsam die Erziehung?

Jetzt gerade ist er zu Hause und passt auf die Kinder auf, während ich auf Reisen bin. Sobald ich zurück bin, übernehme ich, und er fliegt nach Paris, um zu unterrichten. Zu Hause in New York teilen wir uns den Tag auf: Er nimmt die Kinder die eine Hälfte, ich die andere Hälfte.

Ihr Ehemann Nick Laird ist auch Schriftsteller. Was nervt Sie am meisten daran, mit einem Kollegen verheiratet zu sein?

Sich mit dem anderen zu vergleichen und der Stress, den das nach sich zieht. Es ist offensichtlich, dass ich eine erfolgreichere Karriere hatte als er. Manchmal gehen wir irgendwohin, und die Leute behandeln ihn, als würde er nicht existieren. Ich finde das unglaublich ärgerlich. Wir kennen andere Autorenpaare in New York, in vielen Beziehungen ist das so. Aber es gibt auch Vorteile: Wenn die Kinder im Bett sind, ziehen wir uns beide in unsere Zimmer zurück und schreiben. Ein Nicht-Schriftsteller könnte das am Partner womöglich schwer akzeptieren.

Sie haben der Regisseurin Lena Dunham, mit der Sie befreundet sind, den Rat gegeben, nicht in den Zwanzigern durchzuarbeiten und irgendwann mit dreißig aufzuwachen – was Sie getan haben. Was würden Sie heute anders machen?

Ich wünschte, ich hätte früher Kinder gehabt. Und mehr Kinder. Aber ich bereue es nicht. Es war klar, dass ich diese Bücher schreiben würde, genauso wie es klar war, dass Lena ihr Ding durchzieht. Schreiben ist ein Zwang für mich. Es ist ein mysteriöser Zustand, die Art, wie ich auf der Welt existiere, wie ich Dinge verarbeite. Ich lese und lese, und irgendwann kommt ein Roman aus mir raus. Manchmal ist Schreiben ermüdend, manchmal sterbenslangweilig. Vor allem aber ist es unromantisch. Ich denke in praktischen Kategorien.

Erklären Sie das bitte genauer.

Ich habe eine gewisse Zahl von Büchern in einem imaginären Regal stehen, die ich in meinem Leben schreiben möchte. Das geht vielen Schriftstellern so. Einmal bin ich David Mitchell am Flughafen begegnet, der mir gegenüber in fünf Minuten die Plots von acht verschiedenen Romanen zusammenfasste, die er vorhat zu schreiben. Er sah den Weg klar vor sich. Das meine ich mit Zwang. Es dauert lange, Romane fertigzustellen. Schreiben ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Gegen den Tod.

Sie sind jetzt 41 Jahre alt. Wie viele Romane stehen in Ihrem imaginären Bücherregal?

Mit Glück zwölf, realistisch sind eher acht oder neun. Ich kann nur hoffen, dass ich nicht unterbrochen werde, bevor ich am Ziel bin.

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