Der Schatzmeister

Seit 40 Jahren schlummert in einem Museumskeller in Teheran die größte Sammlung moderner Kunst außerhalb des Westens. Wärter Firouz Shabazi hatte als Einziger die Schlüssel.

Erschienen am 11.11.2016 im SZ Magazin (Foto: Hamid Ebrahimzadeh) >> PDF lesen

Der Mann, der mehr als drei Jahrzehnte lang einen der spektakulärsten Kunstschätze der Geschichte gehütet hat, sitzt tief unter der Erde im Zentrum von Teheran am Ende einer spiral förmigen Rampe. Man muss die Straße der Arbeiter hochlaufen, die früher Straße der Prinzessinnen hieß, vorbei an ameri kanisch anmutenden Burger-Imbissen und einer staubigen U-Bahn-Baustelle, bis man den westlichen Rand des Laleh-Parks erreicht hat, der vor der Revolution nach der Kaiserin Farah benannt war. Hinter dem Straßenhändler, der auf dem Boden kauernd verbotene Romane von Jean-Paul Sartre verkauft, wirbt ein Plakat für die aktuelle Ausstellung des Teheraner Museums für Zeitgenössische Kunst, kurz TMoCA: eine Serie von sehr vielen, sehr ähnlich aussehenden Wüstenfotos, ausgestellt in neun Sälen und auf insgesamt 8500 Quadratmeter Fläche. Das ist in etwa so, als würde man die Pinakothek der Moderne in München ausschließlich mit Ansichten der Zugspitze bespielen oder die Tate Modern mit unendlichen Variationen der Highlands von Schottland.

Im ersten Moment kommt man sich vor wie in einer Museumsattrappe. Im verwaisten Eingangsbereich sitzt an einem kahlen Pult eine Kassiererin ohne Kasse. Der Sicherheitsmann wacht an einer altersschwachen Schranke, die widerwillig Töne von sich gibt. Es scheint, als ob die Besucher die 1,25 Euro Eintritt vor allem gezahlt haben, um sich vor Lärm und Sonne zu retten. Eine junge Iranerin in schwarzem Hidschab scrollt auf ihrem Samsung-Handy herum, ein Pärchen steckt tuschelnd seine Köpfe zusammen. Über ihnen wachen, in Gold gerahmt, die grimmigen Gesichter der Religionsführer Khomeini und Khamenei.

Bis auf zwei Arbeiten im Foyer, ein buntes Mobile des US-Künstlers Alexander Calder und ein Erdölbassin des Japaners Noriyuki Haraguchi, deutet kaum etwas auf die milliardenschwere Sammlung westlicher Kunst hin, die im Keller schlummert: auf den Maler und sein Modell, ein zentrales Werk aus Picassos surrealistischer Phase, auf Mural on Indian Red Ground, ein Jackson Pollock, geschätzter Wert heute 400 Millionen Euro; auf die Bronzestatuen von Alberto Giacometti, die Skulpturen von Max Ernst, Henri Matisse und Henry Moore, auf den van Gogh, den Monet, die Bacons, Rothkos und Lichtensteins, auf die Installationen von Donald Judd und Dan Flavin. Ein Who’s who der jüngeren Kunstgeschichte, insgesamt mehr als 1500 Werke.

Dass die Sammlung überlebt hat, grenzt an ein Wunder, sagen internationale Experten. In Teheran sagen viele, Firouz Shahbazi habe die Bilder gerettet. Alle bis auf den einen Warhol. Shahbazi erzählt es gern andersherum: Die Bilder retteten ihn. »Ohne die Sammlung wäre ich längst tot.« Shahbazi hat einen Hang zur Melodramatik, sagen seine Kollegen, aber das gehört vermutlich dazu in einer Geschichte, die ohnehin nach einem persischen Märchen klingt: Die Kaiserin des Irans baut eine sagenumwobene Sammlung moderner westlicher Kunst auf, die größte außerhalb Europas und der USA. Kurz nachdem das Museum vollendet ist, bricht die Revolution aus. Die Kaiserin und der Kaiser fliehen ins Exil, das Land fällt in Isolation. Die Kunstwerke werden für Jahrzehnte in einen Keller verbannt – und nur einer hat den Schlüssel.

Ein Spätsommertag, 3. Oktober 2016, Firouz Shahbazi feiert heute sein 39. Dienstjahr. Er wartet im Untergeschoss hinter einer Absperrung mit schwarzer Kordel, von dort aus geht es in sein Büro, das auch ein Lehrerzimmer aus den Siebzigern sein könnte. So wie Shahbazi über den Flur schleicht, muss man an einen gutmütigen Geist denken: leicht gebeugte Statur, Grübchen im Gesicht, das braune Hemd akkurat gebügelt. Von seinem Büro sind es nur wenige Schritte ins Schatzdepot. Eigentlich hätte Shahbazi 2011 in Rente gehen sollen. Er hatte den Schlüssel an seinen Nachfolger übergegeben. Zu Hause, vor dem Fernseher, machte sich eine Leere in ihm breit. Nach sechs Monaten der erlösende Anruf aus dem Museum: Ob er wiederkommen könne? Als Archivar? Er werde gebraucht, sagt Shahbazi mit stolzer Stimme. »Niemand kennt die Sammlung so gut wie ich.« Shahbazi hat nie Kunst studiert, er ist kein Experte. Sein Studium sind unzäh lige einsam verbrachte Stunden mit den Werken der bekanntesten Künstler der Welt. Heute ist er 65. »Die Kunst erinnert mich an meine jungen Jahre. Wenn ich das Museum ver lasse, fühle ich mich alt.« Jeden Abend kehrt er in eine Neubauwohnung im Teheraner Westen zurück. Seine Seele aber lebt im Museum. Leinwände und Skulpturen sind ihm bis heute näher als Menschen. Zu Hause sei es laut und eng. Hier unten im Keller fängt ihn Stille auf.

Das Mobiliar dort ist 39 Jahre lang unverändert geblieben. Shahbazi setzt sich auf ein zerschlissenes Designersofa mit orangefarbenem Überzug. Die Löcher sind ihm peinlich, lieber will er über die Geschichte der Sammlung sprechen. Seine Geschichte.

Wie er, ein einfacher Fahrer, dazu kam, den Schatz der letzten persischen Kaiserdynastie zu hüten, wisse nur Allah: Sein Vater war bei der Armee. Nach der sechsten Klasse ging Firouz Shahbazi von der Schule ab. In seinen Zwanzigern fuhr er Geschäftsleute zu Terminen und Arbeiter auf Baustellen, zwischendurch träumte er von einem Mädchen namens Simin. Ihretwegen stellte er sich am 3. Oktober 1977 in der Personalabteilung des Museums vor. Seine Tochter verheirate er nur an Staatsbedienstete, hatte Simins Vater gesagt. An jenem Tag hatte Shahbazi Handwerker ins Museum gefahren, die dort den Linoleumboden verlegen sollten. Die wellenförmigen Dächer des Neubaus erinnerten ihn an Badgirs, traditionelle Windtürme in der persischen Wüste. Im Inneren des Museums huschten aufregte Menschen über die runde Rampe. In zehn Tagen sollte die Eröffnung stattfinden, und noch waren nicht mal Lampen installiert. Das Museum suche einen Fahrer, mit Vertrag, rief jemand Shahbazi zu. Er dachte an Simin und heuerte an.

»Als Fahrer gearbeitet habe ich dann nie«, sagt er. Und Simin heiratete einen anderen. Shahbazi bekam den Auftrag, die Transportkisten mit den neuerworbenen Kunstwerken im Empfang zu nehmen, die pausenlos vom Flughafen eintrafen. Teuer versicherte Symbole für den kulturellen Anschluss zum Westen, den der Iran damals suchte. Bereits in den Sechzigerjahren hatte die weltläufige Frau des Schahs, Farah Pahlavi, den Plan gefasst, ein Kunstmuseum vom Rang eines MoMA oder einer Tate Gallery zu schaffen und ihren Cousin, den in den USA ausgebildeten Architekten Kamran Diba, mit ersten Entwürfen beauftragt. Das Projekt lag bis 1974 auf Eis, bis der Ölboom Millionen ins Land spülte. Als Museumsdirektor setzte die Kaiserin ebenfalls ihren Cousin ein. Diba baute die Sammlung auf und jettete dafür um die Welt, kaufte auf der Documenta ein und auf der Art Basel, bei Christie’s und Sotheby’s. Einmal traf er Andy Warhol in New York: Warhol sagte sechzig Minuten lang nichts, am Ende stimmte er zu, die Schah-Familie zu porträtieren. 3,6 Millionen Dollar Staats gelder habe er an ausländische Galerien und Auktionshäuser gezahlt, sagt Diba heute. Wie viel insgesamt für die Sammlung ausgegeben wurde, ist Gegenstand von Legenden, die sich nicht mehr prüfen lassen. Angesichts eines Wertes von drei Milliarden Dollar, auf den sie heute geschätzt wird, waren es jedenfalls lächerliche Summen.

48 Stunden vor der Museumseröffnung 1977, sagt Shahbazi, fuhr die Kaiserin um vier Uhr früh in ihrem türkisfarbenen Cadillac vor, um der Belegschaft Bier und Sandwiches zu bringen. In letzter Minute wurden Passepartouts und Rahmen eingeflogen. Zur Feier waren so viele Gäste aus dem In- und Ausland eingeladen, dass sie auf drei Abende verteilt werden mussten. Der Auftakt am 13. Oktober 1977 fiel auf den Vorabend des 39. Geburtstags der Kaiserin. Shahbazi wachte, weil das Kellerdepot noch nicht bezugsfertig war, bis zwei Uhr in der Nacht vor dem Museumsrestaurant, das als provisorisches Skulpturenlager diente. Farah schritt in einem bodenlangen Kleid über den roten Teppich, Nelson Rockefeller war da, der Künstler Dennis Oppenheim, Museumsdirektoren und Diplomaten aus aller Welt. »Es floss mehr Champagner als Wasser«, sagt Shahbazi, auf den Dächern tanzten japanische Performancekünstlerinnen. »Eine Frau wechselte dreimal ihren Pelz. Ich fühlte mich wie auf einem anderen Planeten.«

Die meisten Fotos von der Eröffnung wurden nach der Revolution zerstört. Im Archiv des Museums sind eine Handvoll alter Abzüge erhalten: Die Frauen tragen Minikleider und Fönfrisuren, die Männer wuschelige Bärte und Schlaghosen. Ein Fünftel der Belegschaft stammte aus dem Ausland. Teheran war weltoffen, der Lebensstil westlich, zumindest in einer kleinen elitären Schicht. Unter der Oberfläche brodelte es in der iranischen Gesellschaft. Die Ölmillionen, die auch das Museum finanzierten, waren vor allem den Reichen zugutege kommen, unter den Armen wuchs die Wut. Protest erstickte der Schah mit Gewalt. Im Sommer vor der Eröffnung war es an den Stadträndern zu blutigen Straßenschlachten gekommen. Wenige hundert Meter vom TMoCA entfernt, auf dem Campus der Teheraner Universität, errichteten die Re volutionäre in den darauffolgenden Monaten ihr Hauptquartier.

Während draußen die »Markbar Schah«-Rufe (»Tod dem Schah«) lauter wurden, lief der Museumsbetrieb zunächst normal weiter: David Hockney zeigte eine Einzelausstellung, Andy Warhol kam zu Besuch. Shahbazi beobachtete die Welt des internationalen Kunstjetsets aus der Ferne. Er arbeitete im Archiv, in seiner Freizeit studierte er in der Bibliothek Kunstbände. Der Direktor Kamran Diba stockte die Sammlung um Werke des Abstrakten Expressionismus und der New Yorker Schule auf. Sein Faible für US-Künstler wie Mark Rothko, Robert Rauschenberg und Jasper Johns spiegelte einerseits die Bedeutung der USA als neuer Nabel der Kunstwelt, andererseits die machtpolitische Ausrichtung des Schahs. Es war genau diese Abhängigkeit vom Westen, die seine Gegner zur Revolution trieb. Linke wie Religiöse verbrannten ­American-Express-Schecks auf den Straßen, Chevrolets wurden demoliert, Ableger amerikanischer Hotel­ketten geplündert. Am Flughafen, wo weiter Kunstwerke eintrafen, brach Chaos aus. Eine Zollbeamtin konnte gerade noch davon abgebracht werden, ein Miniaturmodell von Christos Reichstag zu enthüllen. Sie hatte sich gefragt, was wohl der Inhalt der Ver­packung war.

Im Frühjahr 1979 erklärte der Religionsführer Ruhollah Khomeini das Ende der Revolution und rief den Gottesstaat aus. »Kurz darauf stand ein zwanzigköpfiges Revolutionskomitee vor dem Eingang und ordnete allen an, nach Hause zu gehen«, erzählt Shahbazi. »Als ich zur Tür raus wollte, sagte einer: Du bleibst hier.« Shahbazi war mit dem Schlüssel zum Keller betraut. Die Schah-Familie und der ­Museumsdirektor Kamran Diba waren ins Exil geflohen. Bewaffnete Milizen hatten für mehrere Tage das Museum besetzt und dabei ein Warhol-Porträt von Farah Diba mit einem Messer zerschnitten. Anschließend hatten Shahbazi und seine Kollegen alle restlichen Bilder in den Keller verräumt und eine zentnerschwere nackte Ballerinastatue aus dem ­ Skulpturengarten gerettet. Die Revolutionäre forderten Shahbazi auf, sie in den Keller zu führen. »Es waren junge, einfache Männer in meinem Alter. Wir sprachen dieselbe ­Sprache. Es hatte Gerüchte gegeben, dass der Schah im Museum einen Folterkeller angelegt hatte. Als sie sahen, dass hier nur Bilder ­herumstanden, waren sie beruhigt. Einer ­bemerkte den Picasso mit dem Modell an der Wand. Mein Sohn kann besser malen als der, rief er. Ich sagte: Das ist ein Picasso! Ich wollte ihm erklären, was Kubismus ist, aber es hatte keinen Zweck.« Shahbazi überzeugte die Revolutionäre davon, die Sammlung nicht zu zerstören. »Sie ahnten, dass die Bilder wertvoll waren. Wie wertvoll, wussten sie nicht, sonst wären einige vielleicht auf die Idee gekommen, sie zu stehlen.«

Sechs Monate lang war das Museum geschlossen. Shahbazi schloss sich mit den Werken ein und schlief auf einer Matratze neben dem Depot. Nachts führte er Gespräche mit Jacqueline Kennedy, die auf einem der Warhol-Porträts abgebildet ist. »Sie strahlte so viel Ruhe aus.« Er lernte die abstrakte Tiefe von Mark Rothko lieben, verlor sich in den surrealistischen Welten von Max Ernst. Auf die Bilder aufzupassen, sei das Schönste gewesen, was ihm passieren konnte, sagt Shahbazi. »Das Mu­seum war für mich Oase und Versteck. Ich hatte so viele Probleme in meinem Leben. Hier unten konnte ich sie vergessen.«

Nach der Wiedereröffnung ernannten die Mullahs einen ehemaligen Süßigkeitenfabrikanten zum neuen Direktor, der bald wieder von einem neuen Kandidaten abgelöst wurde. Von Kunst hatte der eine weniger Ahnung als der andere. 28 bis dreißig Direktoren habe er in seinen 39 Jahren erlebt, sagt Shahbazi, an die meisten Namen erinnere er sich nicht (tatsächlich waren es um die zwanzig). Eine Zeit lang hieß es, das Gebäude solle zu einer Koranschule oder einem Kaufhaus umgebaut werden. Schließlich ließ man alles, wie es war, und nagelte Revolutionspropaganda an die Wände. Gelegentlich trafen Briefe von Museen aus Europa ein, die um Leihgaben baten. Sie wurden nie beantwortet. Shahbazi blieb im Keller.

Den Eingang zum Depot markiert eine graue Stahltür mit der Aufschrift »Exhibition Services«, darüber weist ein Schild auf Videokameras hin. Wer als Journalist dort Zutritt bekommen will, muss erst eine Mail an die Pressestelle des Museums schreiben und auf ein Treffen mit dem Museumsdirektor warten, in dem dieser dazu auffordert, einen weiteren schriftlichen Antrag an ihn zu verfassen. Dann wieder: warten.

Am nächsten Vormittag öffnet Shahbazis Nachfolger die Tür, 15 Jahre jünger, Ehsan Abbasi, die Namen sind sich gesprochen zum Verwechseln ähnlich, was es nicht leichter macht. Shahbazi hat ja offiziell sein Amt abgegeben, aber noch immer ist er für alle der Wärter der Herzen, der die Bilder im Keller »meine Kinder« nennt. Abbasi, der Neue, begrüßt Shahbazi, den Alten, mit einem kühlen »Salam«, dann überlässt er ihm das Feld. Hinter einer zweiten, etwa 15 Zentimeter dicken Tür mit Kombinationsschloss liegt der eigentliche Tresorkeller, ein langer Raum mit Krankenhausbeleuchtung. Dicht an dicht hängen die Spitzenwerke der Sammlung an vertikalen Hängeregalen, 32 Reihen links und rechts, hier die Warhol-Serie mit Jackie Kennedy und Mao, dahinter eine Schiene mit Lichtensteins. Die Regale stammen aus der Kamran-Diba-Ära, einst gab es auch ein Klimatisierungssystem, das vor 15 Jahren aber den Geist aufgab. Angesichts dessen seien die Bilder bis auf kleinere Risse in einem »überraschend guten Zustand«, sagt Joachim Jäger, Leiter der Neuen Nationalgalerie in Berlin.

Nach monatelangen Verhandlungen hat Berlin in diesem Frühjahr den Zuschlag bekommen, ab Anfang Dezember dreißig westliche und dreißig iranische Werke aus dem TMoCA in der Gemäldegalerie auszustellen. Zum ersten Mal geht die Sammlung auf Reisen. Eine künstlerische Weltsensation.

Die jüngste Inventurliste hat Firouz Shahbazi Anfang der Achtzigerjahre erstellt, sie liegt vergraben unter einem Papierstapel im Büro seines Nachfolgers: eine vergilbte Kladde, mehrere hundert Seiten, zusammengehalten mit braunem Paketband. In handbeschriebenen Tabellen hat Shahbazi über mehrere Jahre die Namen und Daten aller Werke auf Farsi zusammengetragen. Er wälzte sich durch Kunstbände und schaffte es, Werke zu identifizieren, deren Unterlagen verschwunden waren, etwa eine Skulptur des Minimalisten Robert Morris und ein Bild des Objektkünstlers Joel Fisher. Gelegentlich musste er improvisieren: Ein Bild von Ad Reinhardt verzeichnete er unter dem Namen »Cross«, weil auf den abstrakten Farbfeldern ein Kreuz zu erkennen ist. Ein Bild mit zwei Stühlen nannte er »Zwei Stühle«.

Die Achtzigerjahre waren die schwersten, sagt Shahbazi. Acht Jahre dauerte der Krieg gegen den Irak, Bomben fielen auf Teheran, Shahbazi verlor mehrere Angehörige. Die Wirtschaft rutschte in die Krise. Seine Frau gebar drei Kinder, zwei Söhne und eine Tochter. Shahbazi wachte über einige der teuersten Bilder der Welt, konnte sich aber nicht mal mehr Milchpulver leisten. »Meine Freunde nannten mich einen bettelarmen Millionär.« Jede zweite Nacht arbeitete er nach der Museumsschicht nun wieder als Fahrer, von 21 Uhr bis sechs Uhr in der Früh, kurz duschen und frühstücken, zurück ins TMoCA. »Ich habe nie viel geschlafen. Wenn ich tot bin, habe ich noch genug Zeit dafür«, sagt Shahbazi. Am Wochenende nahm er seinen Ältesten mit ins Museum und spielte mit ihm Fußball auf der Rotunde. Die Säle waren meistens menschenleer. Die Direktoren dieser Jahre waren Apparatschicks aus der Provinz, die bereitwillig die Vorgaben des Kulturministeriums umsetzten. Gezeigt wurden kitschige Märtyrerdarstellungen und traditionelle Handwerkskunst.

1997 dann der Aufbruch. Der Reformer Mohammed Chatami gewann die Präsidentschaftswahlen. Im Museumscafé konnte nun Popmusik gespielt werden, die Kopftücher der Frauen rutschten nach hinten. Der neue Direktor, Ali Reza Sami-Azar, hatte in Großbritannien promoviert und wies Shahbazi an, die Bilder aus dem Keller zu holen. »Wir füllten immer nur zwei bis drei Säle mit westlicher Kunst, nicht alle und nicht kontinuierlich«, sagt Sami-Azar, der heute in einer Privatakademie im wohlhabenden Teheraner Norden Kunst unterrichtet. Beim Reden gestikuliert der Fünfzigjährige wild durch die Luft. Unter Sami-Azar empfing Shahbazi wieder ausländische Gäste: Der damalige Direktor der Tate Britain ließ sich das Triptychon von Francis Bacon zeigen. Später wurde das Bild nach London verliehen. Ein Max Ernst wurde vorübergehend an das Centre Pompidou nach Paris und nach Düsseldorf ausgeflogen.

Sieben Jahre lotete Sami-Azar die Grenzen aus, dann gewann 2005 überraschend der Hardliner Mahmud Ahmadinedschad die Wah len. Sami-Azar wusste, dass seine Zeit gekommen war. Als letzte Amtshandlung ging er aufs Ganze: Alle neun Säle bespielte er mehrere Monate lang mit 150 westlichen Werken aus dem Keller. Es war die erfolgreichste Ausstellung in der Geschichte des Museums. Nur der dreiteilige Francis Bacon, der im Mittelteil zwei nackte Männer auf einem Bett zeigt, musste abgehängt werden: »Ich sagte den Leuten vom Kulturministerium: Das sind bloß zwei Männer, die im Bett liegen, da ist nichts dabei, es ist nicht explizit sexuell, die Figuren sind semiabstrakt, es sind keine Frauen – sie könnten Brüder sein! Ich schlug vor, den Mittelteil rauszunehmen. Sie merkten, dass das nicht gut aussieht. Wir mussten das ganze Bild entfernen. Am nächsten Morgen waren nur noch die Nägel und das Schild da. Wir ließen sie stehen, als Zeichen.« Sami-Azar wurde abgesetzt, das Museum fiel wieder in die Bedeutungslosigkeit.

Über die Jahre versuchten viele ausländische Sammler, einzelne Bilder zu kaufen. Alle Anfragen wurden abgelehnt (bis auf einen Willem de Kooning, der 1994 gegen eine jahrhundertealte persische Handschrift mit Miniaturen getauscht wurde; 2006 verkaufte der neue Besitzer das Bild zum damaligen Rekordpreis knapp 140 Millionen Dollar weiter). »Wir wurden von so vielen Leuten angesprochen. Regierungen, Tycoons, Mittelsmänner«, sagt Sami-Azar. »Manche versuchten hochrangige iranische Beamte zu irgendwelchen Deals zu überreden. Einer bot uns einen Fernsehsatelliten an.« Hätte er bloß das Bild von Victor Vasarely behalten, sagt Firouz Shahbazi. Vor seinem Tod besuchte der französische Maler das Museum und schenkte ihm ein kleinformatiges Gemälde. Shahbazi gab es ins Depot. »Zum Glück weiß meine Frau nichts davon.«

In diesen Tagen wittert die Kunstwelt wieder Tauwetter. Seit dem Amtsantritt des gemäßigten Präsidenten Hassan Rohani 2013 darf das Museum einzelne westliche Werke für wenige Wochen im Jahr ausstellen. Ein Nuklearabkommen mit den USA ist in Kraft, die Sanktionen sind gelockert. Wieder wird die Kunstsammlung zum Politikum: Fast vierzig Jahre war sie eingeschlossen, nun soll sie in diesen Wochen nach Berlin reisen, Anfang nächsten Jahres weiter nach Rom. Der Beginn einer kulturellen Öffnung?

Shahbazi möchte die Politik nicht kommentieren. Die Situation ist vertrackt. Oben im Museumscafé spielt der junge Barista hinter der teuren Espressomaschine jetzt manchmal Berliner Elektro, was verboten ist, aber die Sittenpolizei kaum mehr stört. Einige Straßen hinter dem Laleh-Park wurde kürzlich aber wieder ein stadtbekanntes Galeristenpaar verhaftet. Niemand weiß, was die beiden verbrochen haben sollen, der Anwalt darf sie nicht besuchen. Der amtierende Museumsdirektor Majid Mollanoroozi träumt davon, Marina Abramović und Matthew Barney nach Teheran einzuladen, er sagt, er wolle Brücken bauen, in Berlin möchte ihn aber niemand zur Eröffnung sehen, weil er ein bekennender Holocaust-Leugner ist. Der frühere Direktor Sami-Azar sagt, es sei demütigend für die stolze Kulturnation Iran, ein Best-of der TMoCA-Sammlung ins Ausland zu schicken, als hätte man sie endlich aus dem Gefängnis befreit – sollen die Ausländer doch nach Teheran kommen, um sie zu sehen! Shahbazi wählt seine Worte vorsichtig: »Kultureller Austausch ist gut. Wenn man im Ausland nicht mehr denkt, dass wir wie der IS oder die Taliban sind, ist das gut.«

In den kommenden Wochen hat Shahbazi viel zu tun. Er soll die Sammlung neu katalogisieren, bevor ein Charterflugzeug sie nach Berlin bringt. Es sei immer noch möglich, dass die Mullahs die Ausstellung in letzter Minute abblasen, hört man aus Berlin. Shahbazi ist Optimist. Hauptsache, seine Bilder kommen heil wieder, sagt er.