Ich bin kein Berliner

Seit einem Jahr lebt der chinesische Künstler Ai Weiwei in Berlin. Einst war er Deutschlands Lieblingsdissident. Und jetzt? Die Geschichte einer gegenseitigen Enttäuschung.

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Er versteht sie einfach nicht, die Deutschen, ruft er, während er trotz seiner gut hundert Kilo die Stahltreppe hochfedert. So unbeweglich, so unflexibel, der Fotograf hier, das beste Beispiel, komme mit irgendwelchen vorgefertigten Ideen im Kopf an und nun ihm kaum noch hinterher – »You’re so slow! Too slow!« Ein verbaler Arschtritt hat noch keinem geschadet, aber im Ernst – jetzt dreht er sich um zur Reporterin und wirft alle Höflichkeit über Bord, fragt auf Mandarin: Was ist denn mit diesem Typen los?

Hinter Ai Weiwei herzulaufen und gleichzeitig ein Fotoshooting über die Bühne zu bringen ist wie die Sache mit dem Fuchs und dem Hasen. Kaum ist man da, ist er schon weg, und eigentlich schießt sowieso er die Bilder selbst: Nur aus diesem Winkel, sonst wird das nichts, Achtung, jetzt oder nie. Ein stickig-heißer Juli-Tag in Berlin-Prenzlauer Berg. Ai rennt, hüpft, schwitzt, zieht Grimassen. Auf dem Weg zum Alexanderplatz bleibt er vor der Volksbühne stehen. Die Volksbühne mit ihrer antiautoritären Kompromisslosigkeit, mit ihrem Geist großer Quertreiber wie Castorf, Pollesch und Schlingensief, genau sein Ding, möchte man meinen. Ai will aber etwas anderes loswerden: seinen berühmten Stinkefinger. Stinkefinger gegen das »linke Establishment«, das sich gegen seinen alten Freund Chris Dercon auflehne. Stinkefinger gegen die »lächerlichen« Vorwürfe, der künftige Intendant bringe den Kommerz ins Haus: »Was ist das Problem mit Kommerz? Alles ist Kommerz. Ohne Kommerz würden wir noch im Erdloch leben.« Linke Tradition vs. Ausverkauf, antikapitalistische Kritik vs. Marktlogik, eine absurde, »typisch deutsche« Debatte, findet er. Wenn sie etwas auf den Punkt bringe, dann eines: eine seltsame geistige Schwerfälligkeit. »Eine verdammte Tragödie.«

Ai Weiwei macht sich viele Gedanken über die deutsche Mentalität, seit er in Berlin wohnt. Ende Juli 2015, genau vor einem Jahr, ist er nach Deutschland gezogen. Er denkt nun darüber nach, wie Deutsche sich an Straßenkreuzungen verhalten, »ein sehr wich

tiges Beispiel, das ist nicht zum Lachen: Wenn nachts eine Gruppe von Leuten an der roten Ampel ausharrt, obwohl weit und breit kein Auto zu sehen ist, finde ich das grotesk.« Diese Art von Regelhörigkeit jage ihm geradezu Angst ein. Für die Deutschen sei das Leben immer ein Entweder-oder: grün oder rot, gut oder schlecht, »etwas ist sehr richtig oder es ist sehr falsch.« Für ihn, Ai Weiwei, 58, sind diese Schub laden wichtig, weil er selbst zuletzt immer mehr aus der ersten in die zweite zu fallen drohte: Auch die Deutschen, sie scheinen ihn irgendwie nicht mehr zu verstehen.

Dabei hat man ihn nirgendwo so geliebt, verehrt, gefeiert wie hier. Die Nachricht seiner Verhaftung im Jahr 2011 schaffte es in die Hauptnachrichten, Angela Merkel setzte sich persönlich für seine Freilassung ein, Prominente sammelten Unterschriften. Er vertrat Deutschland auf der Biennale in Venedig, seine Ausstellungen in München und Berlin brachen Pub likumsrekorde. Wer 2014 zu seiner Schau »Evidence« im Martin-Gropius-Bau anreisen wollte, konnte bei der Bahn sogar AiWeiwei-Sondertickets buchen.

In den vier Jahren, in denen er China nicht verlassen durfte, waren die Deutschen und er wie ein auseinandergerissenes Liebespaar: getrennt erst durch eine Gefängnismauer und schließlich durch ein jahrelanges Ringen um seinen Reisepass. Es war eine symbiotische Fernbeziehung: Die Deutschen gaben ihm eine Bühne, er gab ihnen eine überlebensgroße Sehnsuchtsfigur, einen Ersatz-Dalai-Lama.

Und dann? War er endlich da. Seither ist nichts mehr wie zuvor: kein Happy End, stattdessen Verwunderung, Häme, Kritik. Auf einmal sagte der Lieblingsdissident Sätze wie: »Ein paar Leute festzunehmen ist doch keine große Sache.« Oder: »Die chinesischen Behörden bewegen sich nicht mehr außerhalb des Gesetzes.« War er altersmilde geworden? Ist er einen Deal mit dem Regime eingegangen? Dann sein plötzliches Engagement für Flüchtlinge: Erst stellte er am Strand von Lesbos das berühmte Bild des toten Flüchtlingsjungen Aylan Kurdi nach. Später karrte er auf Idomeni einen weißen Klavierflügel ins Zeltlager und ließ sich von einem Syrer vor laufenden Kameras die Haare schneiden. Kunstaktionen auf Kosten von Kriegsopfern? Billiger Schrei nach Aufmerksamkeit? War ihm langweilig?

Alles ein Missverständnis? Und wenn er nicht mehr der Lieblings chinese der Deutschen ist, wer ist Ai Weiwei dann?

Der Versuch, eine Antwort zu finden, endet zunächst mit einer Absage. Nein, vorerst keine längeren Interviews mit deutschen Medien mehr, lässt er Anfang des Jahres ausrichten. Er wolle seine Ruhe. Bei Ai Weiwei heißt das: Er reist pausenlos um die Welt, fliegt nach Griechenland, in die Türkei, in den Libanon, nach Jordanien und nach Israel, um seine Flüchtlingsdoku zu drehen. Human Flow heißt der Arbeitstitel des Films, der 2017 mit Hollywood-Unterstützung in die Kinos kommen soll; sechs Kamerateams sind im Einsatz, dazu mehrere Dutzend Übersetzer und Produzenten. »Flüchtlinge sind keine Sklaven«, sagt er auf einem der Trips zu Al Jazeera. Genauso gut könne man behaupten, dass »Flüchtlinge keine Aliens seien und erst recht keine Nussbäume«, kommentiert die FAS und nennt ihn einen »Beknacktivist«. Provoziert Ai Weiwei womöglich absichtlich Gegenwind, um den Medien ihre konjunkturbedingte Launenhaftigkeit vorzuführen? Ist das vielleicht das eigentlich geniale Kunstwerk?

Anfang Mai stimmt er schließlich einem Porträt zu. Am Tag des Treffens erscheint Ai Weiwei um kurz vor neun vor seinem Studio in Prenzlauer Berg. Man erkennt ihn schon aus hundert Metern an der stämmigen Statur und dem schleichenden Gang, dazu trägt er seine Alltagsuniform aus ausgewählter Nichtkleidung: mausgraues Kurzarmhemd, schwarze Leinenhose, Stoffschlappen. Das Studio liegt am Pfefferberg, einem ehemaligen Brauereigelände, in dem auch der dänisch-isländische Künstler Olafur Eliasson sein Atelier bezogen hat; nebenan frühstücken Easyjet-Touristen auf der Terrasse eines Hostels. »Sinoview Properties« steht in winziger Schrift über dem Briefkastenschlitz einer schwarzen Eisentür geschrieben, der Name von Ais deutscher Firma. Dahinter führt eine steile Stahltreppe zehn Meter in die Tiefe eines katakombenartigen Kellerreichs. Tonnenschwere Holzkisten mit Teilen von Riesen installationen lagern in Gewölben, im Arbeitsbereich sitzen junge Menschen an langen Holztischen und tippen in iMacs. Es geht zu wie in einem geschäftigen Atombunker. »Ich mag keine Höhen, lieber bin ich unter die Erde«, sagt Ai. Das ist ihm aus der Kindheit geblieben:

Während der Kulturrevolution musste er fünf Jahre lang mit seinem Vater in einem Erdloch hausen.

Ai hatte den 4800 Quadratmeter großen Brauereikeller bereits vor seiner Verhaftung angemietet und renovieren lassen. Der Plan war, zwischen Peking, New York und Berlin zu pendeln. Schon 2010 wurde ihm an der Universität der Künste eine Gastprofessur angeboten. Dann kam bekanntlich alles anders. Inzwischen hat er die Stelle angetreten. An der Uni hält er sich allerdings ungern auf, die Studenten kommen zu ihm. Ist er nicht unterwegs, vergräbt er sich in Berlin die meiste Zeit unter Tage. Er hat Studiomobiliar aus Peking mitgenommen, ebenso sind ihm seine engsten Mitarbeiter gefolgt. Regelmäßig kommen Freunde aus China zu Besuch, die eine ständige Entourage um ihn bilden, egal wo er hingeht; zum Mittag essen bei seinem Freund Olafur Eliasson, zu Terminen, abends ins »Soho House« oder in eines der China-Restaurants in der Kantstraße. Einmal traf die Gruppe beim Essen zufällig auf den deutschen Botschafter in Peking. Ai eilte an dessen Tisch und bedankte sich artig für den Einsatz der Bundesregierung. Richtig angekommen fühlt er sich aber nicht in Berlin. »Wenn die Professur nicht wäre, würde ich vielleicht woanders leben.« Die Wochenenden verbringt er im Studio, Partys und Openings meidet er.

Er sehe sich in gewisser Weise selbst als Flüchtling: »Ich fühle mich sehr fremd. Und mit jedem Tag nimmt die Fremdheit zu. Das ist die natürliche Notlage eines Flüchtlings.« Ein typischer AiWeiwei-Satz, der auf dem schmalen Grat zwischen Betroffenheit und Kitsch wandelt: Ein weltberühmter Künstler identifiziert sich mit dem Leid von Kriegsopfern – oder setzt er sich schon mit ihnen gleich? Die Gefahr, missverstanden zu werden, nimmt er in Kauf. Ai Weiwei spricht an diesem Morgen leise und kontrolliert, er wechselt zwischen Nachdenklichkeit und Angriffslust. Auf das Aylan-Kurdi-Remake angesprochen, ist er kaum noch zu bremsen. War das Selbstinszenierung? Man könnte jetzt abwiegeln und sagen: War nicht ganz durchdacht, hab ’s doch gut gemeint. Ai aber geht in die Vollen: »Haben die Leute Jesus damals vorgeworfen, er habe sich am Kreuz selbst inszeniert? Erstens: Ein Künstler hat die Freiheit zu entscheiden, wie er sich ausdrücken will. Ein Künstler kann sagen: Der Junge ist gar nicht tot, ich lass ihn in den Himmel tanzen. Er kann auch sagen: Der Junge ist ein Vogel. Jeden Tag ertrinken Kinder, und die Leute kümmert es nicht. Soll ich das nicht thematisieren dürfen? Zweitens: Das war keine Aktion von mir. Eine indische Zeitschrift hat mich gefragt, ob ich das Foto nachstellen möchte, und ich habe ja gesagt. Die haben mir bis heute nicht mal das Bild geschickt.« Würde er wieder als toter Flüchtlingsjunge posieren? »Natürlich. Die meisten Kritiker reden bloß. Aber wer macht denn wirklich etwas?«

Ai Weiwei will unbequem sein, so viel ist klar. Er betrachtet das als seinen Job. Er gegen das System: früher die Diktatur in seiner Heimat, heute die europäische Flüchtlingspolitik. Und wahrscheinlich ist das die Krux: Nicht er hat sich verändert, sondern die Art, wie er wahrgenommen wird. Der Nimbus des Regime-Opfers ist weg, die Aura des Unantastbaren dahin. Dabei war Ai Weiwei auch als unfreier Mann alles gleichzeitig: Künstler, Dissident, Selbstdarsteller, Geschäftsmann. Sein Verhältnis zur westlichen Öffentlichkeit betrieb der Medienvirtuose wie ein Spiel. Beide Seiten hatten etwas davon: Ai diente die Aufmerksamkeit als Schutz vor weiteren staatlichen Schikanen, auf dem Kunstmarkt gewann seine Marke an Wert. Seine Fans wiederum hatten eine Projektionsfläche, an der »sie sich hochranken konnten«, wie der Sinologe Tilman Spengler es beschreibt. Er war eine Art Pandabär, an dem man gern seine Ängste vor einer aufstrebenden Supermacht ablud.

Warum immer er? Die Frage stellte sich Ai Weiwei mitunter selbst. Die meisten chinesischen Künstler halten ihn für überschätzt. Andere Intellektuelle gingen mit ihrer Regimekritik deutlich weiter – sprachen aber schlechtes Englisch oder saßen im Gefängnis. Ai Weiwei dagegen war ein zuverlässiger Zitatelieferant. Diese Rolle empfand er mitunter als Last: Warum die Journalisten »nicht einmal einen anderen befragen«, fragte er vor seiner Verhaftung in einem SZ-Interview. Nach seiner Freilassung ging es in seinem Pekinger Atelier zu wie in einem Taubenschlag: An die tausend Interviews gab er in dieser Zeit, »mit immer denselben Fragen. Immer ging es um Politik, fast nie um meine Kunst.« Wobei natürlich er die Grenzen aufgehoben hatte wie kein anderer vor ihm. Er habe aber gar nicht gewusst, wie berühmt er war, behauptet er im nächsten Moment kokett, er habe doch hinter der Großen Firewall gesessen. Dazu muss man wissen: Die Zensur zu umgehen ist ein Kinderspiel. Auf Twitter postete er in Peking jedenfalls rund um die Uhr.

Damals begegnete er seinem Ruhm mit erstaunlicher Selbstironie. 2014 traf ich ihn im Auftrag eines anderen deutschen Magazins zum Interview. Auf die Frage, wie sehr er von seinem Freiheitsverlust profitiere, antwortete er: »Kein chinesischer Künstler hatte jemals solche Chancen wie ich. Das hat mir alles die Regierung mit ihren Repressalien ermöglicht. Jeden Tag denke ich: Danke, Partei. Danke, Mutterland.« Die Antwort wurde später von der Redaktion gestrichen – eine kritische Reflexion des Bildes vom »Heiligen Ai« wollte man den Lesern wahrscheinlich nicht zumuten, selbst wenn der Betreffende sie persönlich formulierte. Diese Form medialer Selbstzensur war beim Thema Ai Weiwei kein Einzelfall. 2011 zog eine angesehene Tageszeitung ein ganzes Interview zurück, weil die Meinung des befragten China-Kenners zur Causa Ai ihr nicht in den Kram passte. Auch in anderen Medien kamen Leute nicht zu Wort, die sich differenzierter äußern wollten.

Dabei war Ai Weiwei nie ein Radikaler: Seine Familie stand den Machteliten nahe, Forderungen nach Umsturz überließ er anderen. »Hörte man genau hin, war sein Leitsatz: Ich will das System nicht revolutionär bekämpfen, sondern evolutionär ändern«, sagt Michael Schaefer, der frühere deutsche Botschafter in China. Aiversteht den Vorwurf nicht, er sei nachsichtig mit dem Regime geworden: »Auch wenn die deutsche Presse wieder durchdrehen wird: Ich bleibe dabei, im Kontext der chinesischen Geschichte sind ein paar Verhaftungen nichts Besonderes. Die Menschenrechtssituation in China ist deprimierend. Trotzdem ist sie vergleichsweise gut « Viele in China würden ihm an dieser Stelle widersprechen: Beschneidet die Kommunistische Partei seit der Machtübernahme von Xi Jinping nicht Stück für Stück mühsam errungene Freiräume? Geht sie nicht auch im Internet mit immer brutalerer Härte vor? »Manchmal nützt es der Partei, etwas locker zu lassen, manchmal zieht sie die Schrauben wieder fest. Aber das System der Kontrolle bleibt gleich.« Man merkt an diesem Morgen: Er ist es leid, der ewige China-Dissident zu sein. »Warum soll ich mich nur für die Menschenrechte in China interessieren? Ich lebe jetzt in Europa. Was ist mit den Menschenrechtsproblemen hier?«

Nun also Flüchtlinge. »Komm zum Unterricht vorbei«, sagt Ai Weiwei. Am nächsten Nachmittag trudeln Berit, Marlene, Fee, Esteban, Sabine, Marianne, Vinzenz, Carl, Tang, Theresa, Christian, Karolin, Ekin und Liang im Gemäuer ein. Ein Kamerateam der Deutschen Welle filmt mit. Mit Skizzen und Diagrammen präsentieren die Studenten ihre Projekte: Theresa erstellt eine »Discourse History of Tagesschau 2015«, Fee untersucht die Flucht von deutschen Ostpreußen nach 1945, Marlene und Liang befragen Pro Asyl und Bundespolizei. Man glaubt, in einem Forschungsseminar für Flüchtlingspolitik gelandet zu sein. Esteban, ein drahtiger Schlaks mit goldenen Ohrringen, hat sich ausgerechnet Aylan Kurdi als Thema ausgesucht: Das rote T-Shirt und die blaue Hose des Jungen erinnern ihn an das Logo von Pepsi-Cola, außerdem fragt er sich, was passiert wäre, wäre Aylan Kurdi ein Schwarzer gewesen. Wäre das Bild genauso um die Welt gegangen? Ai Weiwei steht breitbeinig im Raum und schweigt. Er schaut das Bild sehr lange an. Mit jeder Sekunde dreht Esteban nervöser an seinem Ohrring herum. Schließlich murmelt Ai etwas, aber so leise, dass es kaum einer hören kann. Müde wirkt er in diesem Moment, irgendwie matt.

Ai Weiwei sei ein »ungewöhnlicher Professor«, wird später Karlheinz Lüdeking sagen, Dekan an der Universität der Künste. Normale Kunstprofessoren lassen ihre Studenten einfach machen. Ai Weiwei stellt ihnen die Aufgabe, sich mit Flüchtlingen zu beschäftigen. Nicht alle finden das gut; von anfangs 16 Studenten sind zwei gleich wieder abgesprungen. »Die Studenten waren zunächst begeistert, auch wegen des berühmten Namens, das ist für die Laufbahn manchmal mehr wert als ein gutes Examen«, sagt Lüdeking. Mittlerweile seien viele wegen seiner jüngsten Äußerungen über die chinesische Regierung irritiert. Von den anderen Kommilitonen wird die Klasse Ai kritisch beäugt; neulich fragte einer in einer Diskussionsrunde, wo sein vieles Geld herkomme. Ai fordere viel, erzählt einer seiner Schüler. Er sei engagiert, aber auch hart, mitunter schroff. Zu Semesterbeginn habe er der Klasse verkündet: »Ihr werdet schuften wie Arbeiter und Bauern.« Eine Anspielung auf Maos Proletarierstaat, aber diesen speziellen Humor versteht im Westen nicht jeder.

Ai Weiweis Tage in Berlin beginnen so: Um sechs klingelt der Wecker in seiner Altbauwohnung in Prenzlauer Berg. Er schreibt E-Mails, kocht Nudelsuppe für seinen siebenjährigen Sohn Ai Lao. Gegen halb acht bringt er Ai Lao mit Tram oder Taxi zur Schule. Eines Tages kam er mit der Mutter eines Klassenkameraden ins Gespräch. Die Frau ist Ärztin und Flüchtlingshelferin. Im Februar nahm sie ihn mit in das hastig geschaffene Notlager auf dem Tempelhof-Gelände. Das Elend dort habe ihn »tief schockiert«, sagt Ai Weiwei. Man glaubt ihm das. Sofort fing er an zu filmen. Seither stürzt er sich mit ähnlichem Karacho in die Flüchtlingsthematik wie 2008, als er die Namen von Erdbebenopfern in der chinesischen Provinz Sichuan dokumentierte. Die Themen gleichen sich: Leid, Entwurzelung, Verlust. Damals ließ er ein Mahnmal aus Schulrucksäcken von getöteten Kindern an die Fassade des Hauses der Kunst in München anbringen – sein Durchbruch als politischer Künstler.

Ob sich das Prinzip Rucksack eins zu eins auf Schwimmwesten übertragen lässt, spielt für ihn keine Rolle. Freunde und Kritiker gleichermaßen beschreiben ihn als »gnadenlosen Wirkungskünstler«: Was zählt, ist nicht die Form, sondern die Reichweite. Geschmacksfragen interessieren ihn nicht. Er zielt auf Effektivität. Überzeugung und Kalkül, Betroffenheit und Inszenierung, all das geht bei AiWeiwei nahtlos ineinander über. Das macht ihn schwer greifbar, viel seitig – und irre erfolgreich. Die Londoner Art Review listet ihn aktuell als zweitwichtigste Person in der Kunstwelt (hinter den Züricher Galeristen Iwan und Manuela Wirth). 45 Gruppen- und Einzelausstellungen eröffnet er allein in diesem Jahr. In Athen zeigt er derzeit Rettungsringe aus Marmor; in der spanischen Stadt Cuenca stellt er einmal mehr Nachbildungen seiner Pekinger Gefängniszelle zur Schau. Seine Kunst kommt ohne Erklärtext aus. Und garantiert Publikum: 400 000 Besucher in der Royal Academy of Arts in London, 400 000 Besucher in Pittsburgh, 400 000 Besucher in Melbourne. Für Museen sind das Bombenzahlen. Nebenbei schreibt er eine Autobiografie, plant eine Kollabo ration mit einem Schuhlabel, um Flüchtlinge zu unterstützen, und entwirft Flaschenetiketten für ein Weingut in Kalifornien. Ai Weiwei macht auch in Schmuckdesign: Die Stahl streben aus den eingestürzten Schulen in Sichuan gibt es neuerdings nachgebildet als Armband zu kaufen, in 24-karätigem Gold, Stückpreis 30 000 bis 61 000 Euro. Auch das kann man geschmacklos finden. Oder ist es geschicktes Branding?

»Ein echter Blockbuster!« Die Besucherin ist begeistert. So etwas hat Wien schon lange nicht mehr gesehen. 12. Juli 2016, Eröffnungsabend im 21er Haus. Normalerweise wird eine Ausstellung mit einer Vernissage eingeweiht. Nicht bei AiWeiwei. Bei ihm gibt es einen Reigen aus Pre-Opening, Pressekonferenz und richtigem Opening. Heute erst mal Gläserklirren mit dem Kunstvolk: Hello, nihao, willkommen, Herr Ai Weiwei, oder sagt man Ai Waiwai? Larry, ein Freund und Sammler aus New York, ist extra angereist, ebenso einer seiner Galeristen aus Peking. Seine Partnerin Wang Fen und sein Sohn sitzen in einer Ecke. Wang, fließendes schwarzes Kleid, zierliche Hände, ist eine elegante Filmemacherin um die vierzig. Sie und der Sohn reisen ihm überall hinterher, sofern es die Schule erlaubt. Meistens gehen sie hinter ihm oder warten auf ihn. Trotzdem hat sie seit Monaten keinen freien Nachmittag mehr mit ihm verbracht. Wang seufzt. »Weiweihört nie auf zu arbeiten. Nicht zu Hause, nicht beim Essen, nicht beim Spazierengehen.«

Nächster Vormittag, Pressekonferenz. Unter den etwa hundert Menschen, die Platz genommen haben, sind Journalisten vom ORF und von der Raiffeisenzeitung, Reiseblogger und Leute, die einfach so gekommen sind. Ein älterer Mann mit »Free Ai Weiwei«-Jutetasche kann es kaum fassen, dass sein Idol leibhaftig vor ihm steht. Eine Irakerin aus Bagdad möchte sich bei ihm für sein Flüchtlingsengagement bedanken. Lokale Kulturredakteure wedeln mit alten Zeitungsberichten, die sie über Ai Weiwei verfasst haben, wie zum Beweis, Teil von etwas Großem zu sein. Am Ende der Konferenz werden die Anwesenden applaudieren wie nach einer öffentlichen Audienz.

Die kanariengelb gekleidete Museumsdirektorin verteilt Lob für die monumentalen Werke: Mitten in der Ausstellungshalle steht ein 500 Jahre alter Ahnentempel einer Teehändlerfamilie aus Südchina, über Monate in 1300 Einzelteilen nach Wien transportiert und originalgetreu wieder aufgebaut. Ein paar hundert Meter weiter schwimmen im Schlossteich Belvedere 1005 Rettungswesten von Flüchtlingen, drapiert wie Lotusblüten. Die Direktorin strahlt über beide Ohren. In Zeiten sinkender Budgets brauchen staatliche Museen große Namen dringender denn je. Finanzieren können sie deren Arbeiten jedoch oft nur mithilfe von Sammlern und Galerien. Im Fall der Rettungswesten ist Ai Weiweis Berliner Galerie Neugerriemschneider eingesprungen. Larry, der Sammler aus New York, hat eine Tierkopfreihe aus Bronze mitfinanziert. Eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten: Das Museum bekommt sein Spektakel, die Galerien und die Sammler die Aufwertung ihres Investments durch eine namhafte Institution. Ein Künstler wie Ai Weiwei stellt in diesem System eine Aus nahmeerscheinung dar: Er bedient den Wunsch nach gesellschaftlicher Relevanz genauso wie den Auftrag zu kommerziellem Erfolg.

Zeit für Fragen aus dem Publikum:

»Woher nehmen Sie Ihre Kraft?«

»Was raten Sie jungen Künstlern?«

»Was hat Sie stärker beeinflusst? Westliche oder japanische Kunst ?«

»Warum haben Sie das Foto mit dem toten Flüchtlingsjungen gemacht?«

Ai Weiwei kneift die Augen zusammen. Geduldig lässt er die Fragen über sich ergehen, zwischendrin fliegt ein rätselhaftes Lächeln über sein Gesicht. Man muss an die Grinsekatze in Alice im Wunderland denken. Was ihm wohl durch den Kopf geht?

Sogar Menschen, die ihn seit zwanzig Jahren kennen, können darüber nur mutmaßen. »Er ist ein unberechenbares Chamäleon«, sagt der Shanghaier Künstler Ding Yi, ein Freund aus alten Tagen. »Er ist ein fundierter Künstler und ein Zampano«, sagt sein früherer Galerist Urs Meile. »Er ist ein Genie und ein Profi«, sagt sein jetziger Galerist Tim Neuger. »Er liebt es, die Dinge auf den Kopf zu stellen«, sagt sein Förderer, der Schweizer Sammler Uli Sigg. Sigg erzählt eine Anekdote aus den Achtzigern: Ai lebte in New York und haderte mit seinem Kunststudium. Er schmiss hin und schlug sich fortan als Gärtner, Babysitter und Bauarbeiter durch. Er fing an, Poker zu spielen. Bald nannte man ihn den »King of Atlantic City«. Am Wochenende ließen Casinos ihn mit Stretchlimousinen aus seiner Bruchbude in der Lower East Side abholen. »Jeder wollte gegen ihn spielen. Dieser Pokerspieler steckt auch heute noch in ihm«, sagt Sigg. »Vergessen Sie nicht, er ist sehr, sehr clever. Und vielleicht amüsiert er sich nur.«

Ende Juli in Berlin, Mittagessen bei »Due Forni« in der Schönhauer Allee. »Wer will Pizza?«, fragt Ai Weiwei in die Runde. Ohne abzuwarten ruft er dem Kellner zu: »Sechsmal Pizza Salami.« Kurzes Fazit zu Wien: Die Ausstellung läuft super, das Museum hat die Öffnungszeiten ausgeweitet. Das Echo auf die Flüchtlingswesten-Installation ist jedoch ausgeblieben. »Niemand will mehr über Flüchtlinge reden, auch in Deutschland nicht«, sagt Ai Weiwei. »Ich bin enttäuscht von Europa.« Die Lage draußen scheint ihm recht zu geben: Im Mittelmeer ertrinken wieder Tausende, die Grenze zur Türkei ist dicht, die Aufnahmelager in Deutschland sind leer. Sein Pokerspiel, es könnte aufgehen: Wenn die Le Pens, die Johnsons, die von Storchs und die Hofers weiter an Oberwasser gewinnen, stehen die Chancen gut, dass Ai am Ende wieder als der einsame Held dasteht. Er zückt sein iPhone. »Schau hier.« In Florenz hat er einen Renaissancepalast mit Schlauchbooten verkleiden lassen. Unten in seinem Bunker sortieren Praktikanten gerade Tausende Kleidungsstücke, die Flüchtlinge auf Lesbos zurückgelassen haben. Vielleicht macht er damit bald was in New York. In den USA sind Flüchtlinge doch gar kein Thema? Ai setzt sein Grinsekatze-Lächeln auf. »Wenn ich es auf die Agenda setze, wird es eins.«